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Türkei 

Ein Mordprozess mit vielen Gesichtern

Drei Jahre nach den Christenmorden in der Türkei kommt endlich Bewegung in den Prozess. Gunnar Wiebalck war als Prozessbeobachter im anatolischen Malatya. Hier ist sein Bericht.

Großes Medieninteresse CSI  

gw. “Adalet Devletin Temelidir”. Die Worte prangen in goldenen Lettern an der Wand hinter den fünf Richtern, die im anatolischen Malatya den Mord an drei Christen beurteilen müssen. Sie sind ein Zitat des Staatsgründers Kemal Atatürk und bedeuten soviel wie “Gerechtigkeit ist das Fundament des Staates”. Es ist Donnerstag, der 15. April 2010. Als die Angeklagten in den Gerichtssaal geführt werden, herrscht Totenstille. Leise klirren die Handschellen, die für die Dauer der Sitzung entfernt werden.

Kehlen durchgeschnitten

Susanne Geske beim TV-Interview CSI  

Fast auf den Tag genau vor drei Jahren haben fünf junge Männer in Malatya ein Verbrechen begangen, das so brutal war, dass sich bei der Beschreibung die Feder sträubt. Mit Fleischermessern bewaffnet, drangen sie in das christliche Verlagshaus “Zirve” ein und fesselten den deutschen Pfarrer Tilmann Geske und zwei seiner türkischen Freunde an Stühle. Nach zweistündiger Folter schnitten sie allen dreien die Kehlen durch.


Direkt hinter den Angeklagten, abgeschirmt durch eine Reihe schwerbewaffneter Soldaten in Uniform, sitzt Susanne Geske, Witwe des ermordeten Pfarrers, die dunklen Haare zu einem dicken Zopf gebunden. Neben ihr eine ältere, verschleierte Frau – die Mutter eines der anderen Mordopfer. Unaufhörlich laufen ihr Tränen über die Wangen.

Ein Prozess wie noch nie

Einen solchen Prozess hat die Türkei noch nie gesehen. In dem zu 99 Prozent von Muslimen bewohnten Land betrachten viele Bevölkerungsteile Staat und Religion als Einheit, obwohl seit Atatürk die Trennung von Staat und Religion besteht. Wer Türke ist, der ist auch Muslim. Was aber, wenn Türken sich der christlichen Religion zuwenden? In den Augen vieler Staatsbürger ist dies etwas Illegales. Die Täter fühlen sich als Helden, sie glauben, dass ihnen der Staat sogar dabei helfen wird, den Gerichtssaal als freie und ehrenwerte Patrioten zu verlassen. Bei der Tat hatte jeder von ihnen einen Zettel in der Tasche, auf dem stand: “Wir haben es für unser Land getan”.

Genau das aber wollen der türkische Rechtsanwalt Erdal Dogan und seine Kollegen näher untersuchen. Könnte es sein, dass es politische Auftraggeber für das Verbrechen gibt, einflussreiche Hintermänner, die die Täter ermutigt und ihnen vielleicht sogar Straffreiheit zugesichert haben? Das Interesse der türkischen Öffentlichkeit ist geweckt. Aus Istanbul kam die größte Fernsehstation NTV mit einem Übertragungswagen mit Satellitenantenne. Das Massenblatt “Hürriyet” (Freiheit) ist ebenso vor Ort wie die Nachrichtenagenturen “Compass Direct” und die “Deutsche Presseagentur” (dpa). Nicht zuletzt stellt das Verfahren die Beziehungen mit Deutschland auf den Prüfstand, wo Millionen von Türken leben.

Drei Mitarbeiter der deutschen Botschaft aus Ankara nehmen im Gerichtssaal Platz. Das Verfahren selbst ist kurz. Der Rechtsanwalt Erdal Dogan verliest eine 28-seitige Anklageschrift. Er fordert zudem, dass Verbindungen der Täterschaft mit geheimen türkischen Staatsstellen – dem sogenannten “tiefen Staat” – näher unter die Lupe genommen werden müssen. Die Verteidiger der Angeklagten informieren das Gericht, dass sie nicht in der Lage waren, ihre Plädoyers rechtzeitig fertigzustellen. Daraufhin vertagt der Richter das Verfahren. Allgemein wird eine lebenslange Haftstrafe für die fünf Angeklagten erwartet.

Blutrache oder Vergebung

Pfarrer Tilmann Geskes Witwe Susanne hat ihre Ankündigung wahr gemacht und ist mit ihren drei Kindern in Malatya geblieben. In der anatolischen Kultur ist das Prinzip der Blutrache, zumal bei einem Mord, bis heute weit verbreitet. Doch die zierliche Frau will keine Rache: “Vergebung zu verweigern und die Vergeltung selbst in die Hand zu nehmen, anstatt sie Gott zu überlassen, das heisst, seiner Autorität misstrauen”.

Die Mutter erwähnt ein Zeugnis ihrer achtjährigen Tochter Miriam, die die Mörder ihres Vaters im Gefängnis besuchen will. “Dann können wir ihnen eine Bibel geben, und dann lernen sie Jesus kennen.” Später könnten die Peiniger, so das Mädchen weiter, die Mordopfer im Himmel um Verzeihung bitten.

Das sind Töne, wie sie die moderne Türkei noch nie gehört hat, Zeugnisse eines Glaubens, der lange nur auf Misstrauen und Ablehnung gestoßen ist. Ich erlebe mit, dass sie auf die anwesenden Rechtsanwälte und Journalisten einen tiefen Eindruck machen. Der muslimische Anwalt Erdal Dogan will “jeden Stein umdrehen”, um die Hintermänner der Morde ausfindig zu machen.

CSI setzt sich nach wie vor für Religionsfreiheit und den Schutz für Christen in der Türkei ein.


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