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Einen solchen Prozess hat die Türkei noch nie gesehen. In dem zu 99 Prozent von Muslimen bewohnten Land betrachten viele Bevölkerungsteile Staat und Religion als Einheit, obwohl seit Atatürk die Trennung von Staat und Religion besteht. Wer Türke ist, der ist auch Muslim. Was aber, wenn Türken sich der christlichen Religion zuwenden? In den Augen vieler Staatsbürger ist dies etwas Illegales. Die Täter fühlen sich als Helden, sie glauben, dass ihnen der Staat sogar dabei helfen wird, den Gerichtssaal als freie und ehrenwerte Patrioten zu verlassen. Bei der Tat hatte jeder von ihnen einen Zettel in der Tasche, auf dem stand: “Wir haben es für unser Land getan”.
Genau das aber wollen der türkische Rechtsanwalt Erdal Dogan und seine Kollegen näher untersuchen. Könnte es sein, dass es politische Auftraggeber für das Verbrechen gibt, einflussreiche Hintermänner, die die Täter ermutigt und ihnen vielleicht sogar Straffreiheit zugesichert haben? Das Interesse der türkischen Öffentlichkeit ist geweckt. Aus Istanbul kam die größte Fernsehstation NTV mit einem Übertragungswagen mit Satellitenantenne. Das Massenblatt “Hürriyet” (Freiheit) ist ebenso vor Ort wie die Nachrichtenagenturen “Compass Direct” und die “Deutsche Presseagentur” (dpa). Nicht zuletzt stellt das Verfahren die Beziehungen mit Deutschland auf den Prüfstand, wo Millionen von Türken leben.
Drei Mitarbeiter der deutschen Botschaft aus Ankara nehmen im Gerichtssaal Platz. Das Verfahren selbst ist kurz. Der Rechtsanwalt Erdal Dogan verliest eine 28-seitige Anklageschrift. Er fordert zudem, dass Verbindungen der Täterschaft mit geheimen türkischen Staatsstellen – dem sogenannten “tiefen Staat” – näher unter die Lupe genommen werden müssen. Die Verteidiger der Angeklagten informieren das Gericht, dass sie nicht in der Lage waren, ihre Plädoyers rechtzeitig fertigzustellen. Daraufhin vertagt der Richter das Verfahren. Allgemein wird eine lebenslange Haftstrafe für die fünf Angeklagten erwartet. |
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