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Simon
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Der Genozid von 1915 im Osmanischen Reich war ein trauriger Höhepunkt in der Verfolgung von Christen in der Türkei: Über eine Million armenische, assyrische/aramäische und griechische Christen wurden damals umgebracht.
Die Diskriminierung hörte jedoch nach dem Genozid nicht auf. Mittlerweile sind die Christen in der Türkei beinahe ausgestorben. In Europa leben zahlreiche Nachfahren von türkischen Christen, die im Genozid ausgelöscht wurden. Simon ist einer von über tausend türkischstämmigen assyrischen Christen in der Schweiz. Er wurde 1958 in der Südosttürkei geboren. Sein Heimatdorf nennt er weiterhin Anhel, obwohl es seit den 1930er Jahren Yemisli heißt. Wie allen christlichen Dörfern gaben die türkischen Behörden damals nämlich auch Anhel einen türkischen Namen.
CSI: Simon, wie hast du als Kind in der Schule Diskriminierung erlebt?
Simon: Wir durften zum Beispiel in der Schule nie unsere Muttersprache Aramäisch sprechen, obwohl meine Klassenkameraden mehrheitlich ebenfalls Christen waren. Taten wir es dennoch, wurden wir geschlagen. Der Gebrauch der Muttersprache war sogar zu Hause verboten!
In der Schule hatte es fast keine Mädchen. Es kam nämlich mehrmals vor, dass 13- oder 14-jährige christliche Mädchen einfach entführt wurden. Viele Eltern hatten Angst und behielten ihre Töchter zu Hause. Deshalb waren viele Christinnen Analphabetinnen und konnten kein Türkisch. So ging es auch meiner Frau.
Wie hast du außerhalb der Schule Diskriminierung erlebt?
Es gab immer wieder gewaltsame Übergriffe gegen uns. Schon als 14-Jährige mussten wir unsere Dörfer und Felder mit Maschinengewehren vor den Muslimen bewachen.
Später musste ich für 20 Monate in die Armee nach Istanbul gehen. Ich wurde täglich gefragt: "Warum bist du Christ?" und "Warum heißt du Simon?" (Simon ist ein christlicher Name.) Sie schlugen mich regelmäßig, weil ich kein Muslim bin.
Was gab den Ausschlag, die Türkei zu verlassen?
Nachdem ich geheiratet hatte, kam ich 1979 als 21-jähriger Gastarbeiter in die Schweiz. Wir gingen nicht freiwillig. Wir hatten in der Türkei keine Perspektive. Da gibt es keine Menschlichkeit. Christen können dort nicht leben, deshalb habe ich heute in ganz Europa Verwandte und sogar in Amerika.
Wie ist deine Beziehung zur Türkei heute?
1985 reiste ich in die Türkei. Es gab ein Riesentheater in Istanbul, weil sie in meinem Pass sahen, dass ich türkischer Christ bin. Seither war ich nicht mehr dort. Natürlich möchten meine Frau und ich wieder in die Türkei gehen. Aber es ist zu hundert Prozent klar, dass wir Schwierigkeiten haben würden. Deshalb haben wir Angst.
Noch zwei Fragen zum Genozid von 1915. Verwandte von Dir kamen damals ebenfalls ums Leben. Wann hast du zum ersten Mal vom Genozid gehört?
Das war schon früh. Meine Eltern und Großeltern erzählten mir von dieser Katastrophe. In der Schule war das Thema natürlich tabu.
Was würde sich ändern, wenn die Türkei den Genozid anerkennen würde?
Das wird die Türkei nie tun! Natürlich, wir hoffen und beten dafür. Aber die Chance ist wirklich sehr, sehr klein.
Adrian Hartmann |
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